Bewegungslos oder ‚Wehrt euch doch!‘ geht eben nicht

Aus aktuellem Anlass, nämlich meiner Diskussion mit einem anderen Twitterer möchte ich etwas, was @astefanowitsch schon sehr schön erklärt hat noch um ein paar Dinge ergänzen.

Der Moment, in dem ein anderer Mensch übergriffig wird, egal ob mit Worten oder physisch ist ein Moment, der mit großer Angst besetzt ist. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich inzwischen durchaus wehre kann, das war aber nicht immer so und es hat ziemlich lagen gedauert, bis ich es geschafft habe dort hin zu kommen. Um genau zu sein hat es 8 Jahre gedauert und war verbunden mit vielen, vielen Tränen, mit Wut und Enttäuschung, mit Scham und Selbsthass.

Dinge, die ich, das weiß ich inzwischen, nicht fühlen hätte müssen und doch sind sie immer noch da. Immer. Jedes Mal, wenn ich auf Grund meines Geschlechts degradiert (zB durch Objektifizierung) werde fühle ich wieder Angst. Dass diese Angst nicht mehr zu Panik wird habe ich gelernt zu regulieren und das ist das einzige, was mich in solchen Momenten noch handeln lässt.

Das ist nicht viel.

Stellt euch vor, ihr habt Höhenangst oder Angst vor Spinnen und ihr werdet immer wieder von anderen Menschen einfach so auf eine schwindelige Treppe gestellt oder sie setzen euch kleine Krabbeltiere ins Bett.
Ich glaube, die Beispiele zeigen es ganz relativ deutlich: das ist nicht nett und ein ‚Wehr dich doch!‘ ist in so einer Situation oder rückblickend leicht gesagt, ist aber nicht leicht, sondern verdammt schwer.

Angst ist dafür da, dass wir instinktiver handeln können. Der Sympathikus wird angeregt, Parasympathikus wird runtergefahren. Ist so rein biologisch ne kluge Sache, weil der so genannte ‚Fight-or-Flight‘   (Kampf-oder-Flucht) Modus angeworfen wird und der ‚Urzeitmensch‘ darauf vorbereitet ist gegen den berüchtigten Säbelzahntiger zu kämpfen oder eben schnellst möglich zu verschwinden.

Und dann gibt es da die Panik und wenn das Panik-System angeworfen ist, dann kommt es zu komischem Verhalten oder es kommt, wenn Sympathikus und Parasympathikus gleichzeitig aktiviert sind zu einem so genannten Freeze, dh mensch kann nicht mehr handeln, weil die Muskeln nicht mehr reagieren. Es ist das klassische ‚vor Angst gelähmt‘, in der Tierwelt ist das mitunter auch das ‚Totstellen‘.

Und das ist scheiße. So richtig.

Es macht nämlich, dass man Situationen, denen man evtl entfliehen könnte, so rein objektiv, völlig ausgeliefert ist und sich nicht wehren kann.

Daher kommen dann auch die Geschichten a là ’sie hat sich doch nicht gewehrt‘ oder auch ‚ich konnte mich nicht mal bewegen oder um Hilfe schreien‘.

So.

Zurück zu mir.

Ich habe auch angefangen mit Angst, aber irgendwann ist aus dieser Angst Panik geworden. Ich habe angefangen nicht mehr denken zu können in solchen Situationen und habe noch mehr Angst bekommen und hatte dann irgendwann schon Angst in eine solche Situation zu kommen, dass ich Panik bekomme und voilà da war die Panikstörung. Das hatte berechtigte Gründe, aber ich hab mich schlecht gefühlt, jedes Mal, wenn ich mich nicht gewehrt habe, weil ich Angst hatte vor der Reaktion, dem Blick, dem Spott oder ähnlichem habe ich mich geschämt.

Ich habe irgendwann die Kraft und den Mut gehabt mir Hilfe zu holen. Ich bin den Schritt gegangen und ich bin Stolz darauf.

Aber ich habe erst nachdem ich Hilfe hatte und nachdem ich mich lang und breit mit dem Thema beschäftigt hatte die Kraft mich zu wehren.

Leider können das nicht alle. Und das finde ich schade. Aber zu sagen ‚Wehrt euch doch!‘ macht den Schamfaktor nur noch größer, wenn man es nicht kann und das macht es für Betroffene nur schlimmer.

Und ausserdem, liebe ‚Wehrt euch doch‘-Sager mit Höhenangst:

Geht auf den Skywalk. Jetzt.

Blogauflösung

Ich werde meinen alten Blog auflösen und löschen, deswegen ein paar Texte, die mir wichtig sind hier nochmal:

11.10.11

Wenn Töne aufsteigen und man das Gefühl hat sie müssten eigentlich irgendwo ganz da oben zerbrechen und sie genau das dann aber nicht tun sondern einfach immer mehr werden und im Raum hängen bleiben… Erhebend.

Reden zerstört genau den schwebenden Moment. Akzent knallt auf Steinfußboden und lässt platzen, was noch da ist.

Schade, Musik beschreibt eigentlich besser was er sagen will als seine krummen Worte.

9.12.11

Donnerstag, 10 Uhr

Es ist eins der seltsamesten und verstörendsten Dinge, die ich erlebt habe.

Wie im Krimi, ein Mensch, der fällt.

Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Schockstarre trifft das ziemlich gut. Ich hab keine Ahnung, was ich dazu denken soll, dass ich jemanden knapp 20 Meter hab fallen sehen, das Geräusch, das der Körper gemacht hat.

Ich konnte nicht einmal wirklich beten. Keinen Gedanken fassen, nichts. Einfach nur Leere, Stille, aber nicht die gute, sondern angespannte Stille.

Jedes Mal, wenn ich aus meinem Fenster sehe, sehe ich sie fallen, höre das Geräusch, wie sie aufprallt, die Knochen brechen.

Ich bin fassungslos, weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, wie ich verarbeiten soll, was ich gesehen habe.

Es gibt nur ganz wenig Dinge in meinem Leben, die mich ähnlich hart getroffen haben.

Ich weiß nicht weiter.

13.2.12

Da meldet sich die Vergangenheit.
Es ist spannend, traurig (was ich nicht gedacht hätte) und es ist versöhnlich (was ich irgendwie noch weniger gedacht hätte, warum auch immer).
Man hat sich verletzt, aber eingesehen, dass das nicht mit Absicht war.
Es war eine gute Zeit, damals.
Es kommt mir länger vor als 3 Jahre, mindestens wie ein Leben oder zehn.
Und ich komme mir vor, als wäre es mein anderes Leben gewesen.

Gedacht

An einem Moment
Zerissen.
Es war zum Scheitern verurteilt
Wir wollten lieber brennen

Sehen

Wir verbrannten.
Unschuldig

9.10.12

Foto 21.09.12 16 50 14
Mir fehlen gerade die Worte für das, was in meinem Kopf ist.

#Aufschrei – ganz subjektiv

Was soll ich sagen, ich werde auch noch meinen Senf dazu geben, ich werde persönlich sein, reflektiert (wobei das von aussen sicherlich auch anders aussehen mag) und ich werde versuchen zu erklären, was mich seit Freitag in der Früh beschäftigt.

Aber von vorne.

Ich habe am Freitag Morgen, so wie ich es fast immer mache, erstmal meine Timeline nachgelesen und war sehr erstaunt und im ersten Moment auch sehr erschrocken über die Dinge, die ich unter #Aufschrei gelesen habe. Ich war schockiert so viel davon zu kennen und für absolut unwichtig gehalten zu haben, weil ‚ist nun einmal so‘. Ich war erschrocken zu lesen, wie viel ich vergessen hatte aus eben jenem Grund und ich was einfach auf Grund meiner Geschichte erschrocken mit dem Thema innerhalb meiner Filterbubble konfrontiert zu werden (siehe dazu auch mein letzter Post).

Ich habe viel darüber nachgedacht, was ich dazu schreiben möchte und was nicht. Was mcih dabei am meisten schokiert hat, ist, dass ich darüber nachgedacht habe, ob es und inwiefern es schädlich für mich ist, wenn Menschen in meinem Umfld wissen, was mir geschehen ist. Ich weiß aus Erfahrung, dass es Menschen gibt, die darauf schockiert reagieren, Menschen, die meinen Körperumfang darauf schieben (weil gestörtes Körpergefühl und so) und Menschen, die mich danach nur noch mitleidig ansehen.

Ich kann das alles nachvollziehen, kann mich da reindenken und verstehe das, frage mich aber immer wieder, ob ich zwei Minuten vorher noch ein anderer Mensch war, ob ich jetzt plötzlich keine Witze mehr verstehe etc.

Versteht mich nicht falsch, ich finde es wichtig, dass sich Menschen um mich herum Sorgen um mich machen und ich finde es wichtig, dass sie sich überlegen, wie man mit Menschen um sie herum umgehen, nur verstehe ich nciht, dass sie es erst in dem Moment machen.
Würden diese Menschen einfach immer darauf achten, was sie sagen, dann müssten sie nicht in dem Moment plötzlich anders sein.

Und da schließt mein Argument zum Thema #Aufschrei an. Ich glaube einfach nicht, dass Menschen nciht wissen, wann ein Witz, wann eine Berührung oder ähnliches nicht angebracht ist. es wäre schlicht nicht möglich sich anders zu verhalten, wenn man nicht weiß, was anders laufen müsste.
Ich habe viele wirklich gute Beiträge zum Thema #Aufschrei gelesen, der für mich persönlich stimmigste war der von @antiprodukt .

Ich habe über diese vielen Blogposts und Tweets, die ich zwischendurch aus Selbstschutz ‚abschalten‘ musste, eins mitbekommen: Ich bin nciht allein.

Und das ist erschreckend. Sehr sogar.

Wenn ich sagen könnte, dass das Einzelfälle gewesen sind, dann könnte ich sagen: Scheiße gelaufen, ich bin inzwischen soweit, dass ich damit gut zurecht komme (an dieser Stelle großen Dank an meinen Therapeuten) und würde es vergessen wollen.

Ist aber nicht.

Verdammte Axt, wir sind so viele, denen das passiert, die jeden Tag wieder und wieder und wieder sowas erleben.

Und wir haben es geschafft, dass dieser #Aufschei aus diesem Internet in die ‚alten Medien‘ geschwappt ist. Wir waren so laut, dass selbst die Tagesschau darüber berichtet in den 20 Uhr Nachrichten. Die Tagesschau. Und so ziemlich alle anderen auch mehr oder minder sinnvoll (nur eine winzige Auswahl).

Als ich das auf Twitter gelesen habe, dass es jetzt in die alten Medien kommt, musste ich auf der Straße fast weinen, weil ich seit langem Mal wieder das Gefühl hatte, wir werden gehört. Endlich.

Lasst uns dazu beitragen, dass solche Dinge nicht mehr geschehen, sondern dass wir gehört werden, jeder* der sich über Sexismus beklagt gehört wird.
Tragt eure Geschichten hinaus, falls ihr das könnt, wenn nicht, der Häkelklub Sachsen nimmt Geschichten anonym auf und veröffentlicht diese.
Redet mit den Menschen in eurer Umgebung, sagt ihnen, sie sollen es weiter tragen.
Versucht ein Schneeballsystem daraus zu machen.
Sesibilisiert die Menschen für dieses gesellschaftliche Problem.

Und tragt euren #Aufschrei auf die Straße. Am 14.2. ist der internationale Aktionstag gegen Gewalt an Frauen (V-Day)  

 

Update:

Wer ein Lehrstück in Sachen Leugnen sehen möchte, kann sich gerne (zumindest die nächsten 7 Tage) die #Jauch Sendung ansehen, der Link folgt nicht, ich will da nciht drauf verlinken. Und ich warne vor: es war gruselig.

Sichtbar werden

Ich habe gerade eben den Hashtag #Aufschrei gelesen und mich das erste Mal, ganz öffentlich, dazu bekannt, dass ich Überlebende von Vergewaltigung bin.

Mein Post:

Foto_25.01.13_04_54_11_Croppola_2

Daraufhin habe ich diese Erwiderung bekommen:

Foto_25.01.13_04_55_04_Croppola

Und da soll ich denken, es gibt so etwas wie ‚rape culture‘ nicht?

Ja, klar, über den Begriff kann man streiten, er ist nicht klar definiert, aber im Grunde ist klar, was gemeint ist, oder?

Wie bitte soll ich daran glauben, dass soetwas nicht normal ist, wenn ich #Aufschrei auf Twitter lese? Und zwischen all den erlebten Dingen eben immer wieder solchen Scheiß.

 

Das seltsame Gefühl

Ich hab heute erfahren, dass meine Kollegin am Samstag von Nazis bedroht wurde.

In einem Erotikfachhandel.

Sie ist, soweit ich das beurteilen kann, erstmal kein klassisches Feindbild von Nazis, eine wirklich höfliche und freundliche Person (wie, zumindest nehme ich das an, die allermeisten Menschen eben sind) und kann, wie die allermeisten Menschen, die Gewalt zu spüren bekommen nichts dafür sondern war einfach am falschen Ort, nämlich auf der Arbeit.

Sie hat eine Gegenüberstellung im Laden gehabt (liebe Polizei, das war dämlich) und ihr wurde hierbei nonverbal massiv gedroht (eine Halsdurchschneidengeste zu ihr).

Ich habe das alles nur erzählt bekommen, trotzdem hatte ich heute Abend, als ich abgeschlossen hatte massive Probleme.

Ich hatte schlicht und ergreifend Angst.

3 der 8 Täter sind flüchtig und 5 von denen wurden von ihr idetifiziert und sin dwohl schon recht gut wegen diverser Delikte bei der Polizei bekannt, weswegen die auch schon zu Stelle war.

Ich hatte das seltsame Gefühl, dass die evtl etwas planen könnten. Es gab bei der Gegenüberstellung massive nonverbale Drohungen (Kehle durchschneiden Geste) und die Gefahr, dass da etwas passieren könnte, ein „Angriff“ abends, wenn es draußen dunkel ist und alle Läden ringsum schon zu haben oder wenn sie einfach mal reinkommen, völlig egal.

Jetzt läuft gerade immer eine latente Angst mit, wenn ich arbeite.

Und diese Angst sagt mir:  Lauf weg.

Und mein Kopf sagt mir: Wenn du dich von sowas verscheuchen lässt, dann werden sie immer mehr Land gewinnen.

Meine Chefin hat Pfefferspray für unsere Läden und alle Kolleginnen gekauft.

Wir bleiben.

Kommentare und Co

Tja, wenn ihr euch mal von den freundlicheren der blöden Kommentare überzeugen wollt, dann lest die Kommentare zu Eine Klotür hier im Blog.

Ich finde es unglaublich spannend, dass da noch sone Schwemme gekommen ist, nachdem da lange Ruhe war und noch viel spannender finde ich, dass es fast nur Unsinn war, der da gekommen ist. m(

Ansonsten ist hier irgendwie wenig passiert, was daran liegt, dass ich nichts geschrieben hab, was wiederum daran liegt, dass ich keinerlei Motivation hatte.

Und die hab ich auch immer noch nicht, was auch an den Kommis liegt, aber die beschreiben das nur näher, was mich schon länger nervt.

Es ist so eine latent destruktive Grundhaltung und eine ätzende Stimmung die daraus entsteht und das gerade in fast allen Teilen meiner Realität. Das ist anstrengend.